Prof. Edith Ostendorf hat bis ins hohe Alter hinein gesungen. Dass ihr dies gelang, ist ihrem Wissen um die körperlichen Vorgänge beim Singen zu verdanken. Sie bildeten stets einen zentralen Aspekt ihrer Lehre und erlaubten es ihr, ihre Technik an die sich mit dem Alter verändernde Stimme anzupassen. Ihre dabei gewonnenen Erkenntnisse gibt sie in der Schrift „Schwierigkeiten mit der Stimme beim Älterwerden“ an ihre Schülerinnen und Schüler weiter.
Schrift „Schwierigkeiten mit der Stimme beim Älterwerden“ als pdf zum Herunterladen.
Hier folgt der Text des Dokuments im Wortlaut:
Schwierigkeiten mit der Stimme beim Älterwerden
Die Schwierigkeiten beim Älterwerden sind für die Sänger und ihre Lehrer ein ganz besonderes Problem. Die auftauchenden Verschiedenartigkeiten sind sehr irritierend und deshalb auch gefährdend für den Einzelnen, weil es für den Lehrenden und Lernenden eigentlich eine „maßgeschneiderte Therapie“ geben sollte. Die ist schwer zu finden und vor allem in Worte zu fassen. Man müsste in der Lage sein, seinen eigenen Körper sehr genau zu kennen und zu erfühlen und auch die Zusammenhänge mit medizinischen Gegebenheiten wenigstens im Ansatz zu wissen, um sie einordnen und für sich nutzbar machen zu können.
Die größte Irritation sind für Frauen die Wechseljahre. Die weiblichen Hormone gehen stark zurück. Es kommt zu Trockenheitsgefühlen in Mund und Rachen, einem Tieferwerden der Stimme, Sprödigkeit und Ansatzschwierigkeiten. Das ist jedoch nicht bei allen Frauen der Fall. Man sollte allerdings gerüstet sein und nicht gleich die Waffen strecken, wenn einem etwas fremd vorkommt. Das bekannte Gefühl für die Stimme, für den Körper und den Klang muss beibehalten werden.
Die „normalen“ Funktionen habe ich in meiner Broschüre (gemeint ist: „An meinen geliebten Schülerkreis“) versucht zu erklären. Alle Widrigkeiten, die man beim Älterwerden der Stimme registriert, können mit Hilfe der grundsätzlichen Funktionskenntnisse in die richtigen Bahnen gelenkt werden. So kann in den meisten Fällen das Musizieren mit der Stimme erhalten bleiben. Die stärkste Erschwernis liegt also zunächst bei den Frauen in den Wechseljahren. Auch bei den Männern gibt es ja eine Hormonumstellung, aber sie ist klanglich nicht so ausgeprägt. Da sind die anderen Faktoren – bei beiden Geschlechtern – schon eher ausschlaggebend, z.B. die Muskelverfassung und die Vitalität, auch die Möglichkeit, mit dem Atem hauszuhalten. Die dritte Schwierigkeit ist die, mit Medikamenten umgehen zu müssen, die für Müdigkeit und Muskelschlaffheit sorgen oder Magenprobleme bringen.
Wie ihr wisst, sind ja die Stimmbänder Muskeln, die in einer Weise trainiert werden müssen, dass ihre Schwingungsmöglichkeit nicht behindert wird durch Druck als Hilfestellung für unsere „Stütze“ (Zwerchfell und Flanken, dazu Rücken und Bauch, Beine und Füße). Die Stimmbänder bleiben immer frei von einem direkten Druck. Man versucht, mit einem Impuls über den Atem das Zwerchfell zu wecken und so anzuregen, dass der geforderte Rückfluss des Gesangsstromes (= in Schwingungen umgesetzt Atemluft) erreicht wird. Dann sind die Stimmbänder also indirekt über den Zwerchfell-Kontakt für die Spannung, die sie für die Tonhöhe und die Stärkegrade bringen, erreichbar. Das sollte man trainieren, soweit die Natur und die Gesundheit das zulassen.
Die „Erkundungsphase“ braucht jetzt noch einige praktische Tipps, die man ausprobieren und dann beibehalten sollte, wenn man merkt, dass sie helfen.
Hilfreich wäre es, wenn man versucht, ein dauerndes Geschmeidigkeitsgefühl zu bewirken (schmecken, sich von innen den Mund ablecken, die Zunge sich ungehindert bewegen lassen – nach der geistigen Vorstellung für die Artikulation).
Zweitens wäre es gut, die Einatmung und Ausatmung (d.h. dann den Tonvorgang) im Ansatzrohr nicht als etwas Gegensätzliches, sondern als einen Vorgang zu empfinden. Dann kann man immer weich und doch präzise ansetzen und stockt und staut den Atem nicht.
Drittens habe ich die Möglichkeit, die Zunge bei Ansatz an der Rundung des Oberkiefers zu fühlen und durch diesen Kontakt die Energien im Oberkieferbereich – auch den „Fokus“ für den „Vordersitz“ und die „Maske“ – energetisch als Führungskraft einzusetzen. Wenn der Druck im Unterkiefer ausgeschaltet ist, ist die Energiesteigerung im Oberkiefer für die Stimmgesundheit keine Gefahr. Man registriert das auch in der Tonqualität: Die obertönigen Register werden gut eingespielt und die Stimmbandränder – die empfindlichsten Stellen – gut durchblutet und gangbar gemacht. Das ist im Alterstraining besonders wichtig, da die Stimme die Sprödigkeit nicht so gut wegsteckt wie in jungen Jahren. Für das Freibleiben des Kehlbereichs von Druck und Engigkeit sind die „Muskelspiele“, die wir beim Singen sowieso gebrauchen, verstärkt vonnöten. Gemeint ist die Energieführung im Oberkieferberiech im Zusammenhang mit den Impulsen, die gleichzeitig an das Zwerchfell gerichtet werden. Nun sind die Forderungen, die man an diese allgemeine Balance stellen muss, noch verstärkt einzusetzen. Das ist beim Training zu beachten. Die Verstärkung der Energien an den richtigen Stellen soll ja verhindern, dass der Instrumentenbereich schädigend benutzt wird.
Es ist übrigens tröstlich, dass die Erfahrung mit älteren Stimmen uns auch lehrt, dass das „Material“ sogar noch eine Entwicklung nehmen kann. Allerdings sind die Stimmen dann meistens nie ganz optimal vorhanden und eventuell unterentwickelt gewesen.
Ich möchte jetzt noch einmal an unsere Eiform erinnern. Sie ist eine der harmonischsten Formen, die es gibt. Wenn wir in der Lage sind, uns ganzkörperlich in etwa in dieser Form zu fühlen, sind wir auch fähig, von der geistigen Vorstellung her, Verbindungen, die wir beim Singen im Körper herstellen müssen, zu registrieren und sie für unsere Belange zu nutzen und zwar optimal (nicht schädigend) für die Auslotung des ganzen Klanges im Instrument. Wenn ich die Schulterblätter (die „Engelflügel“) auseinander ziehe (wie Baggerschaufeln, die ihre Last loslassen), lasse ich die Atemluft los und lasse ihr die Möglichkeit, in der Mitte des Körpers (an die „dicke Stelle“) zu kommen, damit auch die Flanken ins Spiel zu bringen, die ich ja unbedingt zur Kontrolle der Führung von Ton und Phrase nötig habe. Man spürt in diesem Idealzustand, dass die Schwingungen in der Atemluft an keine Ecke stoßen. Alles ist in der gerundeten Weise „abzustreicheln“. Das ist ein optimal angenehmes und leichtgängiges Gefühl.
Noch eine kleine Rückerinnerung: Die „Eiform“ beinhaltet ja auch die uns bekannte Vorstellung (Hinweis Broschüre, gemeint ist: „An meinen geliebten Schülerkreis“), dass man die Lungenbläschen in die Lage bringen sollte, den Sauerstoff beim Atmen aufzunehmen und ihnen während des Klangvorgangs auch die Möglichkeit lässt, am Klang mitwirken zu können. Wenn man durch Engigkeit des Brustkorbs dies verhindert, fehlt Wesentliches in Klangschönheit und Volumen, und man schadet letztlich auch der Gesundheit.
Schrift „Schwierigkeiten mit der Stimme beim Älterwerden“ als pdf zum Herunterladen.
